Wenn der Diktator den Körper beherrscht

Anna hatte eine Abtreibung als sie 22 Jahre alt war. In einem Land, das Verhütungsmittel verbot, Abtreibungen mit Haftstrafen ahndete und uneheliche Kinder verstieß.

Von Susanne Hefekäuser

 
 
 Zum Artikel: “Post vom Widerstand”

Die Freiheit konnten sie ihm nehmen, doch nicht den Optimismus und seinen Humor: Radu Filipescu und sein Kampf gegen das Regime.

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Sie schrieb das, was sie für richtig hielt. Mit ihren Büchern brachte Ana Blandiana Ceaușescus Regime gegen sich auf.

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Anna* war gerade erst acht Jahre alt, als Fortpflanzung in ihrem Land zur Staatsangelegenheit wurde. Sie wohnte mit ihrer Familie in einem ländlichen Vorort südöstlich von Bukarest, als keine zehn Kilometer Luftlinie von ihr entfernt eine Entscheidung gefällt wurde, die schwere Folgen für ihr Leben haben sollte. Im Haus des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei im Zentrum Bukarests machte man sich im Jahr 1966 Sorgen um die sinkende Geburtenrate im Land. Neun Jahre zuvor hatte man nach sowjetischem Vorbild Abtreibungen erlaubt. In Rumänien lebten damals etwa 10 Millionen Frauen. Nach Schätzungen des Gesundheitsministeriums brach pro Jahr etwa eine Million davon eine Schwangerschaft ab.

Als Nicolae Ceauşescu im Jahr 1965 an die Macht kam, wollte er sein Volk vergrößern. Mehr Kinder bedeuteten mehr Arbeitskraft, mehr Reichtum und nicht zuletzt: mehr Untertanen. Während Anna Lesen und Schreiben lernte, erließ er ein Dekret, das als besonders brutales Beispiel für staatliche Familienplanung in die Geschichte einging: das Dekret 770. Die Verhütungsmittel verschwanden aus dem Land, Abtreibungen wurden verboten. In jedem Staat und in jeder Region wurde nachgezählt: Der sozialistische Staat wollte genau wissen, wie viele gebärfähige Frauen es gab und wie viele Kinder er potenziell erwarten konnte.

Nach dem Verbot blieb den Frauen, die ihr Kind nicht bekommen wollten oder konnten, nichts anderes übrig, als illegal abzutreiben - in Hinterzimmern, vielfach ohne medizinisches Personal. Nach Schätzungen des Gesundheitsministeriums gab es pro Jahr trotzdem noch 200.000 bis 500.000 Schwangerschaftsabbrüche. Als Anna in die Pubertät kam, war es für sie normal, dass sie nachts auf dem Feld gegenüber von ihrem Haus Gestalten herumwandern sah. Dort wurden die Föten verscharrt, wenn in der Nachbarschaft eine Frau abgetrieben hatte. Als Anna 15 Jahre alt war, kam die Polizei und grub das ganze Feld um. Sie suchten nach Beweisen. Als Anna anfing, sich für Jungs zu interessieren, versuchte sie, an Verhütungsmittel aus anderen Ostblock-Staaten heranzukommen. Wenn ihre Freunde oder Freunde von Freunden ins Ausland fuhren, brachten sie Kondome oder Pillen mit. Doch das war selten, und so musste sie auf Hausmittel zurückgreifen.

Anna über improvisierte Verhütungsmittel:

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Trotz der immer noch hohen Abtreibungsraten gelang es der Regierung, bis Anfang der 1970er Jahre eine Million neuer Menschen zu „erschaffen“.  Die Kinder, die in diesen Jahren geboren wurden, nennt man „Decreţei“ – „Die Kinder des Dekrets“. Die Regierung überwachte die Frauen systematisch, vor allem in den Fabriken des Landes. In regelmäßigen Abständen wurden sie von Teams aus Gynäkologen, Krankenschwestern und Polizisten untersucht. Wenn eine Frau schwanger war, bekam sie eine Nummer. Ihre Schwangerschaft wurde dann weiterhin beobachtet. So hatten die Frauen keine Möglichkeit, illegal abzutreiben. Doch die Überprüfung der Fabrikarbeiterinnen reichte irgendwann nicht mehr: Anfang der 1980er Jahre sollten alle Frauen im Land gynäkologisch untersucht werden. Untersuchungskommissionen kontrollierten in Schulen, in Krankenhäuser, in Firmen, ob Frauen gebärfähig oder sogar schwanger waren.

Anna studierte zu dieser Zeit in Bukarest. Sie blieb verschont von den staatlichen Untersuchungen der Fruchtbarkeit. Trotzdem spürte sie den Druck, der auf ihr lastete. „Es war schrecklich, du gehörst dir ja gar nicht mehr selbst“, sagt sie. Damals hatte sie schon seit drei Jahren einen Freund. Die improvisierten Verhütungsmittel halfen nicht immer. Eines Tages blieb ihre Regelblutung aus. Sie lief zu ihrer Mutter und bat sie um Rat. Ihre Mutter sagte gar nichts. Nur ihren Blick, den wird Anna nicht vergessen. In den Augen ihrer Mutter sah sie das Flehen: „Tu mir das nicht an“. Anna wollte das Kind. Aber es passte nicht. Sie war nicht verheiratet, hatte keinen Job, nicht genug Geld. Sie konnte es nicht bekommen. Die konservativ-orthodoxe Gesellschaft in Rumänien war nicht bereit, ein uneheliches Kind zu akzeptieren. Also musste Anna eine Lösung finden.

Anna über ihre Abtreibung:

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Anna war im vierten Monat schwanger, als sie abtrieb. Der Junge sei ein Opfer seiner gesellschaftlichen Zeit gewesen, sagt sie heute. Nach der Abtreibung litt sie unter Albträumen. „Das Gefühl, wenn der Jahrestag kommt, wünsche ich niemandem“, sagt sie. In der Gesellschaft fühlte sie sich einsam. Sie konnte nicht über ihre Erfahrung sprechen. Denn der rumänische Geheimdienst verfolgte Abtreibungen mit voller Härte. Auf Beihilfe zur Abtreibung standen hohe Haftstrafen. Kommunismusforscher gehen davon aus, dass in den 1980er Jahren etwa 11.000 Menschen wegen solcher Vergehen im Gefängnis saßen.

Wenn Frauen nach einer Abtreibung mit Komplikationen ins Krankenhaus eingeliefert wurden, wurden sie oft noch auf dem Operationstisch von einem Securitate-Mitarbeiter verhört. Die Ärzte durften die Frau erst dann behandeln, wenn sie die Namen ihrer Helfer verriet. In vielen Fällen gab es aber keine Helfer. Viele Frauen versuchten alleine, die ungewollten Kinder loszuwerden. Sie führten sich Spiritus, Essig, Gabeln oder Löffel ein. Sie badeten in eiskaltem Wasser oder stemmten schwere Sachen. Eine Frau führte sich ein fünf Meter langes Kabel ein, um den Fötus aus ihrer Gebärmutter zu entfernen – nur einer der Fälle, die im Archiv des Gesundheitsministeriums dokumentiert sind. Anna erinnert sich, dass in den Zeitungen damals viel berichtet wurde über Frauen, die nach so einer illegalen Abtreibung verbluteten. Dadurch sollten andere abgeschreckt werden.

Anna über den Tod ihrer Nachbarin:

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Annas Nachbarin war eine von 10.000 Frauen, die in den Jahren von 1966 bis 1989 an den Folgen einer illegalen Abtreibung starb. Das Dekret 770 war das erste Gesetz, das nach dem Sturz Ceauşescus im Jahr 1989 abgeschafft wurde. Anna hatte das Land schon drei Jahre vorher verlassen. Als Angehörige der deutschen Minderheit war sie nach Deutschland gekommen. Das erste, was sie in Köln sah, war eine Demonstration gegen Abtreibungen. „Ich konnte es nicht glauben“, sagt sie. „Die Art, wie man dagegen war: Man demonstrierte frei auf der Straße. Das Thema war in aller Munde. Das war etwas ganz anderes.“ Sie entschied, in Köln zu bleiben. Heute ist Anna 53 Jahre alt und arbeitet als Journalistin. Ihr ganzer Stolz: Die Tochter, die sie vor 18 Jahren bekommen hat. Ein Wunschkind.

* Name von der Redaktion geändert