Post vom Widerstand

Viele waren unzufrieden mit dem Regime, doch sie schwiegen. Radu Filipescu wollte etwas ändern. Mit tausenden Flugblättern versuchte er, den Widerstand gegen Ceauşescu zu organisieren. Doch die Angst der Menschen und die Securitate waren schwierige Gegner.

Von Carmen Reichert

 

 

 

Radu Filipescu 1981

Zu sportlich für die Securitate: Radu
Filipescu lief seinen Bewachern davon

Radu Filipescu im Mai 1986

Mai 1986: Radu Filipescu wenige Wochen nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis

Filipescus erstes Flugblatt
Menschen, die den Sturz des Ceausescu Regimes wollen, geht am Sonntag, den 30. Januar, zwischen 17 und 18 Uhr auf die Straße. Ab dem 30. Januar drückt alle zwei Wochen eure Entscheidung aus, die Pest namens Ceausescu von der Staatsführung entfernen zu wollen. Wir müssen etwas unternehmen.
Die Straße

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Sie schrieb das, was sie für richtig hielt. Mit ihren Büchern brachte sie Ceaușescus Regime gegen sich auf.

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Anna trieb ab, als sie 22 war. In einem Land, das Verhütung verbot und Abtreibungen mit Gefängnis ahndete.

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Ein Zettel im Briefkasten, darauf wenige einfache Worte: Wer den Sturz Ceauşescus will, soll am Sonntag, den 30. Januar 1983, auf die Straße gehen. So einfach die Idee, so einfach die Tat. Und so wie Radu Filipescu die Geschichte seines Widerstandes heute erzählt, scheinen drei Jahre Gefängnis, zehn Tage Folter und jahrelange Verfolgung wie ein Spaziergang.

„Ein gewaltsames Verhör ist schlimm, aber das sind Dinge, die man vergisst“, sagt Filipescu und macht eine rasche Bewegung mit seiner Hand. Er sitzt in einem Café in einem Bukarester Hinterhof und erzählt. Er spricht mit lauter Stimme und gestikuliert dabei mit beiden Händen. Immer wieder muss er selbst so sehr lachen, dass er die Blicke der Nachbartische auf sich zieht.

Unzufrieden mit der politischen und wirtschaftlichen Lage und den Ceauşescus waren damals alle. Jeden Morgen sprachen seine Kollegen und er in der Fabrik davon. Und viele beschwerten sich, dass niemand etwas unternahm. Im Winter 1982 war der Punkt erreicht, an dem der 27-jährige Elektroingenieur sich sagte: Wenn nicht jetzt, wann dann. „Ich hatte Sorge um meinen Vater, der herzkrank war. Aber ich habe von niemanden gehört, der etwas Wichtiges tun wollte und gesagt hat: Ich mache das jetzt nicht, weil mein Vater krank ist.“ Und er fährt fort: „Wenn man etwas tun will, dann findet man dafür auch Argumente.“ Und er sagt das so, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, alleine den Kampf gegen ein ganzes Regime aufzunehmen.

Flugblätter gegen Ceauşescu

Radu Filipescu wusste, dass eine kritische Bemerkung über Ceauşescu gegenüber der falschen Person ausreichen konnte, um von der Geheimpolizei verfolgt zu werden. Und er wusste, dass Menschen, die gewagt hatten, ihre Kritik am Regime laut zu äußern, spurlos verschwunden waren. Aber er dachte: „Man kann von der Zukunft auch Gutes erwarten.“

Im Dezember 1982 beginnt Radu Filipescu im Keller seiner Eltern Flugblätter zu drucken, bis Mitte Januar sind es 10.000 Stück. In einer Winternacht schleichen er und sein bester Freund durch die Straßen Bukarests und werfen pro Briefkasten immer mehrere Exemplare ein, in der Hoffnung, sie würden von den Empfängern weitergegeben. „Wir dachten: Wenn wir eine Chance von 0,1 Prozent haben, dann werden wir 100 Menschen erreichen, die etwas tun“.

Der erste Versuch scheitert. Am 30. Januar 1983 kommt es zu keinem Protest. Filipescu ist enttäuscht, aber er gibt nicht auf: Im Frühjahr druckt er neue Blätter, die er nun tagsüber verteilt – das ist sicherer, weil man sich unter den Passanten auf der Straße verstecken kann. Wieder bekommen tausende Bukarester den Aufruf, gegen Ceauşescu auf die Straße zu ziehen. Längst ist auch die Geheimpolizei, die Securitate, auf die Flugblätter aufmerksam geworden. Das Netz ihrer Mitarbeiter und Spitzel durchdringt schon seit den 1950er Jahren die gesamte Gesellschaft. Doch zunächst gelingt es ihr nicht, den Unruhestifter zu finden. Und so zieht sie mehrere hundert zusätzliche Mitarbeiter nach Bukarest, um gezielt die Wohnblocks zu überwachen, in denen noch keine Flugblätter gefunden wurden. Am 7. Mai, als Filipescu vor einem Briefkasten steht und gerade seine Tasche öffnen will, stellt ihn ein Securitate-Mitarbeiter. Filipescu wird festgenommen.

„Warum hast du das getan? Warum hast du das getan?“, schreit ihn ein grauhaariger Beamter an und schlägt ihm den Kopf auf den Tisch. „Ich dachte, das sei nicht der richtige Moment, ihm das zu erklären“, erzählt Filipescu mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht, „der Kerl war ein bisschen nervös.“ Fünf Monate dauern die Verhöre an, die zum Teil von einem bekannten Arzt geführt werden. Ceauşescu unterhält gute Beziehungen zum Westen und möchte bei den Menschenrechtskonferenzen nicht auf politische Gefangene angesprochen werden. Deshalb werden politische Gegner oft für verrückt erklärt.

Stundenlang werden Filipescu Fotos vorgelegt. Er soll auf Personen zeigen, die ihm sympathisch oder unsympathisch sind. Irgendwann ruft er entnervt: „Mein Problem sind nicht diese Leute, mein Problem ist der hier!“ Er zeigt dabei auf die Wand, an der ein großes Portrait von Ceauşescu hängt. Vielleicht weil Radu Filipescus Vaters selbst ein bekannter Arzt ist, wird er nicht in die Psychiatrie eingewiesen, sondern bekommt ein Verfahren. „Was der Anwalt gesagt hat, hat mir überhaupt nicht gefallen“, sagt Radu Filipescu und runzelt die Stirn. „ Er sagte, ich sei jung und wüsste nicht, was ich tue.“

Hilfe aus dem Westen

Zehn Jahre Haft lautet das Urteil. Abzusitzen in einem Gefängnis, in dem es im Winter bis zu minus fünf Grad wird. Die Toilette, der Esstisch, das Bett, alles befindet sich im gleichen Raum. Das Essen reicht gerade zum Überleben. In der Zelle ist es so feucht, dass im Winter das Fenster festfriert und nicht mehr bewegt werden kann. So bleibt das Fenster den ganzen Winter einen Spalt breit offen. Für geringste „Vergehen“ gibt es hohe Strafen: Isolationshaft in einem leeren Raum. Das einzige Möbelstück, das Bett, muss um fünf Uhr morgens hochgeklappt werden. Weil der Boden meistens feucht ist, stehen die Gefangenen oft stundenlang.

Den Eltern Filipescus gelingt es, ein Netzwerk von Freunden und Kollegen aufzubauen, die helfen, Nachrichten über ihren Sohn ins Ausland zu bringen. Deutsche und französische Medien berichten über ihn, sogar sein Flugblatt wird dort veröffentlicht. Das Netzwerk informiert auch über andere „verschwundene“ Gefangene. So wird das wahre Gesicht des Ceauşescu-Regimes im Westen bekannt. „Die Tatsache, dass ich wegen der Flugblätter zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt wurde, bewies, dass dieses System sich nicht für Menschenrechte interessierte“, sagt Radu Filipescu heute. „Und so habe ich gerade durch meine Verhaftung und die ausländische Berichterstattung darüber mehr erreicht als sonst vielleicht möglich gewesen wäre.“

Joggen mit der Securitate

Filipescu bereut seine Tat auch in der Haft nicht. „Natürlich gab es schwierige Momente. Aber ich wusste, wenn ich draußen wäre, würde ich es nicht aushalten, nichts zu tun.“ Im Gefängnis denkt er immer wieder darüber nach, wie er nach der Entlassung den Widerstand besser organisieren könnte. Durch den Druck der ausländischen Medien wird Radu Filpescu schon nach drei Jahren entlassen. Draußen wird er nun rund um die Uhr überwacht. Die Securitate folgt ihm sogar beim Joggen: „Beim ersten Mal liefen mir dicke Beamte hinterher.“ Filipescu steht auf, fasst sich an den Bauch, kneift die Augen zusammen und äfft das Hecheln des Beamten nach. Dann habe man ein Team von Sportlern besorgt, die ihm von nun an folgten.

Lange hält Filipescu das Nichtstun nicht aus. Im September 1987 wird er wieder aktiv. Er gibt westlichen Journalisten Interviews und verfasst ein neues Manifest. Diesmal will er es besser machen: Er ruft nicht zum Sturz Ceauşescus auf, sondern zu einem Referendum. Wer für Ceauşescu ist, soll sich am Platz des Sieges des Sozialismus treffen, wer gegen ihn ist, soll zum Platz der Einheit kommen. Ein solches Referendum könnte ihm schwerlich als „Propaganda gegen den Sozialismus“ ausgelegt werden, denkt Filipescu und hofft so, einer Verhaftung zu entgehen. Außerdem druckt er diesmal nur wenige Flugblätter, sendet sie aber auch ins Ausland. Wichtig ist vor allem der Sender Radio Free Europe, der von München aus sendet und den auch viele Rumänen hören. Durch diese Berichterstattung erhofft sich Filipescu zusätzlichen Schutz.

Doch im Dezember 1987 wird er wieder verhaftet und vom selben Beamten wie beim ersten Mal verhört. Der Beamte, der ihn drei Jahre lang nicht angefasst hatte, schlägt nun zu. Auf die Hände, die Füße, den Hintern, ins Gesicht. „Ich sah in seinen Augen, dass mit ihm nicht zu kommunizieren war“, erinnert sich Filipescu, „man weiß nicht, was in ihm vorgeht, nur dass er finden will, was er finden soll.“ Bald ist klar: Er wird etwas sagen müssen. Die Securitate will wissen, wer all die Informationen über Filipescu ins Ausland gebracht hat. Um seine Familie nicht zu verraten, erfindet er die Geschichte von einem englischen Diplomaten, der die Nachrichten ins Ausland geschmuggelt habe. Filipescus Familie gelingt es unterdessen, das Ausland informiert zu halten. Und so wird er nach zehn Tagen entlassen.

„Wenn ich meine Geschichte heute erzähle, frage ich die Leute immer, was sie nehmen würden, wenn sie wählen könnten: Drei Jahre Haft oder zehn Tage Schläge?“ Die Antwort, die er seinen Zuhörern dann gibt, ist: „Das ist nicht das Problem. Das Problem ist, dass es keine Regeln gibt. Das alles passieren kann. Und das ist der Mechanismus des Terrors.“

Die Zeit des Terrors hat in Filipescus Gesicht keine bleibenden Spuren hinterlassen, nur das Lachen hat kleine Falten um seine Augen gezeichnet. „Wir haben viel erreicht“, resümiert er 22 Jahre nach dem Ende Ceauşescus. „Wir sind eine demokratische Gesellschaft geworden, in der in manchen Bereichen das Gesetz regiert“, sagt Filipescu und lacht.