Orte der Revolution – Orte der Erinnerung

1989 erlebte Rumänien eine blutige Revolution. Um gegen Ceauşescu zu protestieren, ging Sorin Cucerai am 21. Dezember in Bukarest auf die Straße – so wie tausende andere auch. Eine Spurensuche.

Von Christine Strotmann

 

 
Sorin Cucerai
 
Freier Journalist und Publizist
Geburts- und Wohnort: Bukarest
Alter: 44 Jahre
 
 
 
 
Zum Artikel: “Nicht vergessen, wo wir herkommen”
 
Was müssen Rumänen aus der Ceauşescu-Ära in Erinnerung behalten? Wird das Thema in der Gesellschaft thematisiert? Und was war das Schlimmste, was passiert ist? Sorin Cucerai und andere Rumänen im Interview. Eine Videobotschaft.
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
VolkspalastSorin Cucerai vor dem Revolutionspalast

 
Die Revolution
 
Der Revolutionsplatz im Zentrum Bukarests. Hier, auf dem Balkon des kommunistischen Hauptquartiers, hielt am 21. Dezember 1989 Nicolae Ceauşescu seine letzte Rede. Schon seit dem 15. Dezember protestierten in Timișoara, im Westen des Landes, die Menschen gegen ihn. In Berlin war die Mauer längst gefallen, die Samtene Revolution in der Tschechoslowakei im Gange und Polen bereits von der Gewerkschaftsbewegung Solidarność regiert. Die Rumänen erwarteten eine Veränderung. Und tatsächlich: Live verfolgten fast alle Bürger im Staatsfernsehen wie Ceauşescu die Kontrolle über die Menschenmassen verlor. Sorin Cucerai ist damals Industriearbeiter und 22 Jahre alt. Mit den Arbeitskollegen sieht er im Fernsehen, wie Ceauşescu ausgebuht wird. Als die Übertragung abbricht, macht sich Sorin Cucerai sofort auf den Weg Richtung Innenstadt. Er beobachtet die Menschen in der U-Bahn, niemand zeigt eine Regung. Sorin Cucerai wird wütend. Als er an der Piața Unirii ankommt, ist er begeistert, trifft auf hunderte Menschen. Sorin Cucerai wird  Teil einer großen Masse – bald stimmt er in ihren Schlachtruf ein. „Nieder mit Ceauşescu“ ruft er zum ersten Mal und fühlt sich frei: „All die Schuld, all der Dreck der Diktatur fiel in diesem Moment von mir ab.“

Mit den anderen steht er einer Polizeikette gegenüber, die Menge will zum Universitätsplatz. Schließlich werden die friedlichen Demonstranten so viele, dass die Polizei der Menge nachgibt. Die Menschen auf den Bürgersteigen applaudieren den überwiegend jungen Menschen, die den Boulevard eingenommen haben. „Dies war das fröhliche Gesicht der Revolution. Zwar kreisten über uns die Hubschrauber, doch schienen sie so weit weg, als könnten sie uns nichts anhaben. Wir dachten wir seien unverwundbar“, sagt Sorin Cucerai. Schließlich gelangen die Demonstranten zum Universitätsplatz – wo der Fußmarsch ein jähes Ende findet.

Sorin Cucerai über die Proteste am Universitätsplatz:


Fotos: Christine Strotmann; “1989 Libertate Roumanie” by Denoel Paris; Romanian National History Museum – www.comunismulinromania.ro; http://mepopa.com/rev.htm

Aus der friedlichen Protestaktion wird ein Barrikadenkampf, bis früh in den Morgen. Für Sorin Cucerai aber endet die Revolution um 20 Uhr. Es wird kalt und der 22-Jährige will nach Hause gehen, um sich eine Jacke zu holen. Dort angekommen, wird er von seinen Eltern eingesperrt. Am nächsten Tag erfährt er bei der Arbeit, dass Ceauşescu und dessen Frau Elena geflohen seien – es sollten Wochen blutiger Unruhen folgen.

Täterspuren – Opferspuren

Die nächste Station ist der Parlamentspalast oder, wie er im Volksmund hieß und heißt: „Casa Poporului” – das Haus des Volkes. Das Mammutbauwerk repräsentiert wie kein anderes den Ceauşescu-Kommunismus. Es steht für das, was Rumänien in das Chaos trieb: den Größenwahn, mit dem Nicolae Ceauşescu das rumänische Volk verarmen ließ, während er sich selbst ein Monument setzte, das ihn überlebte. Noch heute ist der Palast eine Landmarke, ewige Erinnerung und inzwischen Sitz des rumänischen Parlaments. Für Sorin Cucerai eine Schande: „Das Gebäude präsentiert wie kein anderes das Nichts, und die Unterdrückung eines ganzen Volkes. Ich finde es unmöglich, dass die Kommunisten damit bis heute das größte sichtbare Monument in der Stadt haben. Dagegen sehen die Erinnerungsorte für die Opfer des Regimes und die Toten der Revolution nahezu winzig aus.”

Zurück am Revolutionsplatz: Hier steht das öffentliche Mahnmal für die Opfer der Revolution. Das Denkmal der Wiedergeburt. Es wurde 2005 eingeweiht, also 16 Jahre nach den blutigen Kämpfen.

Sorin Cucerai über das Mahnmal: