Im Unterricht nur eine Randnotiz

Die rumänischen Schüler kennen das Ceauşescu-Regime oft nur aus Erzählungen ihrer Eltern. Im Geschichtsunterricht spielt es kaum eine Rolle. Kein Wunder – die meisten Schulbücher behandeln das Thema nur am Rande.

Von Beate Brehm

Für die Schüler der Klasse 12c am Nationalkolleg „Tudor Vianu“ in Bukarest hat das letzte, entscheidende Schuljahr begonnen; im Sommer machen sie ihr Abitur. In der zentralen Geschichtsprüfung wird es dann auch eine Frage zum Kommunismus geben, vielleicht zu Ceauşescu. Aber das meiste, was die 25 Schüler bis jetzt über das Regime wissen, haben sie von ihren Eltern und Großeltern; denn in der Mittelstufe wird das Thema nur gestreift.

Ihre Lehrerin Veta Gruia hat keinen einfachen Job: Der Lehrplan sieht einen chronologischen Unterricht vor. Ceauşescu wird somit erst am Ende der 12. Klasse unterrichtet, wenn die Prüfungen bereits geschrieben und die Schüler gedanklich schon in den Sommerferien sind. Der Stalinismus und die 1950er und 1960er Jahre sind dagegen prominent im Lehrplan vertreten. Außerdem wird Geschichte in naturwissenschaftlichen Gymnasien wie dem „Tudor Vianu”-Nationalkolleg nur eine Stunde die Woche unterrichtet. „Wenn man den Lehrplan erfüllen will, hat man für vertiefenden Unterricht zur Ceauşescu-Ära keine Zeit“, sagt Veta Gruia.

In den meisten Lehrbüchern spielt das Regime nur eine sehr untergeordnete Rolle, zum Beispiel als Teilaspekt totalitärer Regime in Europa. Dass das so ist, habe auch mit dem Stand der Forschung zu tun, sagt Raluca Grosescu vom Institut zur Aufarbeitung kommunistischer Verbrechen IICCMER. Unter Ion Iliescu, dem ersten Staatspräsidenten Rumäniens nach 1989, habe es keine unabhängige Forschung gegeben. Und auch die Archive seien erst 2006 geöffnet worden. Langsam würden die Universitäten und Forschungsinstitute aber anfangen, sich mit Sozialgeschichte und den Regime-Opfern zu beschäftigen. „Ceauşescu zu unterrichten heißt aber auch, von Mitläufern und Tätern zu sprechen.“

Und auch an den Schulen tut sich etwas: Seit 2008 wird an humanistischen Gymnasien das Wahlpflichtfach „Geschichte des Kommunismus“ unterrichtet. Mittlerweile nehmen 3.500 Schüler pro Jahr daran teil. Das IICCMER hat ein entsprechendes Schulbuch veröffentlicht – mit interaktiver DVD. „Aus meiner Sicht ist die Lage nicht so schlecht“, sagt Raluca Grosescu. „Wir können ja nicht nur Kommunismus unterrichten, wir leben im Jetzt und müssen nach vorne schauen.“

Veta Gruia will ihren Schülern eine positive Einstellung zur Demokratie vermitteln. Sie weiß, dass manche Eltern ein nostalgisches Kommunismus-Bild an ihre Kinder weitergeben. Am Nationalkolleg „Tudor Vianu“ betreffe das zwar nur wenige, da die meisten Schüler aus der gehobenen Mittelschicht stammen. An der Schule einer befreundeten Lehrerin in einem sozial schwächeren Viertel sehe das aber schon anders aus. Dort kämen viele Kinder mit der Vorstellung in die Schule, dass unter Ceauşescu alles besser gewesen sei.

Aber auch die Schüler von Veta Gruia am Nationalkolleg seien oft enttäuscht von der Demokratie in Rumänien, von korrupten Politikern und persönlicher Bereicherung ehemaliger Securitate-Mitarbeiter. „Ich glaube aber, dass das eine Phase ist, die vorbeigeht“, sagt Veta Gruia optimistisch. In den nächsten Monaten muss sie sich vor allem darauf konzentrieren, alle Schüler der 12c gut durchs Abitur zu bringen.

 

Flash-Produktionen: Marc Röhlig