Graben nach der Wahrheit

Die Verbrechen der Securitate sind weitgehend ungesühnt. Tausende Leichen liegen noch in der rumänischen Erde. Marius Oprea gräbt sie aus, um so ihre Mörder zu finden. Angeklagt wird jedoch zumeist er selbst.

Von Dominic Possoch

 

 

Marius Oprea
wurde 1964 geboren und ist in Braşov (Siebenbürgen) aufgewachsen. In Bukarest hat er Archäologie und Geschichte studiert und über das Thema „Die Rolle der Securitate“ seine Dissertation geschrieben. 1997 verbrachte er einige Zeit in Berlin und lernte bei der dortigen Stasi-Unterlagenbehörde unter Joachim Gauck den Umgang mit Geheimdienstakten. 2006 gründete er das Institut für die Erforschung der Verbrechen des Kommunismus. Heute leitet er seine eigene Nicht-Regierungsorganisation.

Schatten der Macht
Wie funktioniert die Securitate? Ein Erklärstück.

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Ausgrabungsorte
Seit 2006 hat Marius Oprea mehr als 200 Leichen ausgegraben.

Ausgrabungsorte von Marius Oprea

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1987 wurde Marius Oprea zum ersten Mal von der Securitate, dem ehemaligen rumänischen Geheimdienst, inhaftiert. Der damalige Student hatte sich geweigert, in die Kommunistische Partei einzutreten und Manifeste gegen Ceauşescu verteilt. Heute wolle er Gerechtigkeit, sagt er. Nicht für sich, sondern für die vielen Menschen, die der wohl brutalsten Staatssicherheit des ehemaligen Ostblocks zum Opfer fielen. Oprea geht davon aus, dass bis zu 10.000 Menschen ohne jeden Prozess von der Securitate ermordet und in der Wildnis verscharrt wurden.

Der Historiker erhält viele Briefe von Familien, die ihn bitten, die Leiche eines Angehörigen auszugraben. „Ohne Leiche, kein Verbrechen“, sagt Oprea. So können die Opfer ihre letzte Ruhestätte und die Familien endlich Frieden finden.

Seine Methode ist investigativ. In den Securitate-Akten findet er erste Hinweise auf den Verbleib des Opfers und dessen Täter. Im nächstgelegenen Ort interviewt Oprea mögliche Augenzeugen, der Rest ist Intuition: „Ich spüre, wenn unter mir etwas in der Erde vergraben ist.“ Mit einem kleinen Team von Archäologen gräbt er schließlich, bis er auf die Skelette der Opfer stößt.

Bislang hat er mehr als 200 Leichen ausgegraben und mehr als 400 Namen von potentiellen Tätern enthüllt. Offiziere der Securitate haben Oprea deswegen bereits mehrfach verklagt. Zusammengerechnet wurden 812 Jahre Haft gegen ihn beantragt. Bislang hat er alle Prozesse gewonnen.

Oprea ist nicht unumstritten. Vier Jahre lang war er der Chef des von ihm gegründeten Instituts für die Erforschung der Verbrechen des Kommunismus (IICCR). 2010 wurde er entlassen. Oprea war Sicherheitsberater des früheren Premierministers Călin Popescu-Tăriceanu, dessen liberale Partei, der auch Oprea angehört, seit dieser Zeit in der Opposition ist. Das wird als ein Grund seiner Entlassung angesehen. Seine früheren Mitarbeiter am IICCR sagen auch, dass Oprea nicht unproblematisch ist: „Er ist sehr stolz und möchte, dass alles über seinen Schreibtisch geht“, sagt einer von ihnen. Seine direkte und kompromisslose Art habe immer wieder für Probleme gesorgt.

Mit seiner Arbeit möchte Marius Oprea gegen das Vergessen ankämpfen. Die Rumänen würden anfangen, die Verbrechen der Vergangenheit zu vergessen. „Eine Leiche hinterlässt mehr Eindruck auf die Gesellschaft als 20 Bücher.“

Bildergalerie: Opreas Arbeit
Graben nach der Wahrheit: Marius Oprea sucht Leichen von Securitate-Opfern.
Graben nach der Wahrheit: Marius Oprea sucht Leichen von Securitate-Opfern.
Zwei bis drei Monate braucht Oprea, um ein Opfer zu finden und auszugraben.
Zwei bis drei Monate braucht Oprea, um ein Opfer zu finden und auszugraben.
Dieses Opfer wurde vermutlich durch einen Kopfschuss getötet...
Dieses Opfer wurde vermutlich durch einen Kopfschuss getötet...
...sowie der Großteil der Opfer der Securitate.
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Die meisten Leichen stammen aus den 1950er Jahren, der brutalsten Zeit der Securitate.
Die meisten Leichen stammen aus den 1950er Jahren, der brutalsten Zeit der Securitate.
Zur wissenschaftlichen Herangehensweise gehört die Arbeit mit Forensikern und Gerichtsmedizinern.
Zur wissenschaftlichen Herangehensweise gehört die Arbeit mit Forensikern und Gerichtsmedizinern.
Nach jeder Ausgrabung sorgt Oprea für ein den Riten entsprechendes Begräbnis.
Nach jeder Ausgrabung sorgt Oprea für ein den Riten entsprechendes Begräbnis.
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