Feder gegen Schwert

 

Sie schrieb das, was sie für richtig hielt. Mit ihren Büchern brachte sie Ceauşescus Regime gegen sich auf. Auch heute lässt sich Ana Blandiana das Wort nicht verbieten.

Von Kristina Chmelar

 

 

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Die Freiheit konnten sie ihm nehmen, doch nicht den Optimismus und seinen Humor: Radu Filipescu und sein Kampf gegen das Regime.

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Anna trieb ab, als sie 22 war. In einem Land, das Verhütung verbot und Abtreibungen mit Gefängnis ahndete.

 

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Wer waren die Opfer des Regimes?
Was hat der Staat nach 1989 für die Opfer getan?

 

„Vor 1989 kannte ich nur die politische Zensur. Die erste Bekanntschaft mit der ökonomischen Variante machte ich nach der Wende in Deutschland“, sagt Ana Blandiana, streckt den Zeigefinger nach oben und lacht. Sie lacht oder lächelt fast immer. Selbst wenn sie davon erzählt, wie ein deutscher Verlag einen ihrer Romane zerstückelte, „als würde er Brot schneiden.“ Ohne Rücksprache hatte der Herausgeber mehr als einhundert Seiten gekürzt, aus Profitgründen, wie sich später herausstellte. „Plötzlich musste ich feststellen, dass es neben der politischen Zensur noch eine andere Form gibt, nämlich die wirtschaftliche, gegen die ich überhaupt nichts machen kann.“ Ein unvergesslicher Erstkontakt mit dem kapitalistischen System.

Ana Blandiana hatte zu dieser Zeit schon mehr als 40 Jahre kommunistischen Regimes hinter sich. Es scheint, ihr Lächeln habe ihr dabei geholfen, alles Negative besser zu überstehen. Aus politischen Gründen zum ersten Mal verboten wurde die Schriftstellerin bereits als 18-Jährige. Es reichte, dass ihr Vater ein orthodoxer Priester war, seit Jahren befand er sich deshalb als „Volksfeind“ in Haft. Nachdem bekannt wurde, dass sich hinter dem Pseudonym Ana Blandiana seine Tochter, Otilia Valeria Coman, verbirgt, schlugen die Zensoren zu. Philologie zu studieren verbot man ihr auch: „Ich durfte nicht einmal die für die Immatrikulation notwendigen Unterlagen einreichen, geschweige denn die Aufnahmeprüfungen machen. Also begann ich eine Lehre als Maurerin.“ Im Gegensatz etwa zur Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller, die eine ähnliche Erfahrung gemacht hatte, war für Ana Blandiana diese Episode nicht traumatisch. Sie lernte, mit Mörtel und Maurerkelle umzugehen. Von ihrer Leidenschaft, dem Schreiben, brachte sie das Handwerk lange nicht ab.

Als Ceauşescu Mitte der 1960er Jahre an die Macht kam, lockerte sich die „Schraube des Kommunismus“. Die Schriftstellerin heiratete ihren Kollegen Romulus Rusan. Der inhaftierte Vater kam endlich frei, das Publikationsverbot wurde aufgehoben. Blandiana studierte, schrieb und veröffentlichte einen Gedichtband nach dem anderen. Leser in Rumänien wie im Ausland fanden großen Gefallen an ihr. Nach wenigen Jahren aber kam der Bruch: Ceauşescu zog die Schraube langsam, aber stetig wieder an.

Die Stunde des Dissens

„Eigentlich habe ich mich nie richtig als Dissidentin gefühlt“, erinnert sich die Frau mit den wachen Augen, während ihre Hände lebhaft durch die Luft gleiten. „Ich war Schriftstellerin und ich sah meine Aufgabe darin, das zu schreiben, was ich für richtig hielt. Das war alles.“ Trotzdem steht Ana Blandianas Gesicht, ähnlich wie das von Radu Filipescu, stellvertretend für den rumänischen Dissens. Die 69-Jährige erklärt sich das heute zum einen über den Einfluss, den ihr Schaffen vor der Wende auf die Menschen hatte. „Gedichte, die ich nicht veröffentlichen durfte, trug ich auf Literaturfestivals oder in Schulen vor. Und als ich daraufhin Beifallsstürme erhielt, war das für mich ein Moment des Dissens. Zwischen mir und meinem Publikum bestand eine perfekte Verständigung und das in einer Zeit, in der es kaum Hoffnung gab.“ Niemals wieder habe sie Momente erlebt, in denen die Menschen solidarischer miteinander waren. Zum anderen sieht Blandiana in den vielen Repressionen den Grund dafür, warum sie als führende Dissidentin gilt. „Dass die Menschen aus meinen Werken Freiheit schöpfen, das war wichtiger als der Gedanke, was mit mir passieren könnte. Und mir passierte ständig etwas.“

Vier Episoden darüber, wie Ceauşescus Regime Ana Blandiana das Leben schwer machte:

 

Noch zweimal sollten Blandianas Werke bis Ende der 1980er Jahre verboten werden. Das Zentralkomitee nahm sich ihrer sogar persönlich an. Ihr Bekanntheitsgrad hatte aber auch Vorteile: Die Schriftstellerin war inzwischen zu bekannt, als dass sie das Regime hätte einfach aus dem Weg räumen können. „Literarisch hatte sich um mich herum ein Schutzwall gebildet. Sie konnten mit mir nicht mehr machen, was sie wollten.“

„Staatsfeindin Nummer eins“

Es kam der Dezember 1989. Mitte des Monats brachen in Timişoara, der zweitgrößten Stadt des Landes, die ersten Unruhen aus. Einige Tage später sprang der revolutionäre Funke auch nach Bukarest über. Blandiana und ihr Mann waren voller Hoffnung. All das, wofür sie so lange gekämpft hatten, schien zum Greifen nah. Doch die Ereignisse überschlugen sich. Auf den Straßen floss Blut. „Als dann am 25. Dezember das Fernsehen auch noch die Hinrichtung Ceauşescus verkündete, war ich schockiert. Wieso gerade am Weihnachtstag? Es war wie Schwarze Magie. Es war wie ein Entweihungsritus und ich fragte mich, was das für Leute sein müssen, die so etwas mit sich verantworten können.“ Die ersten Zweifel kamen auf. Wäre es nach ihr gegangen, hätte es juristische Verfahren gegeben und zwar nicht nur gegen Ceauşescu und seine Frau. „Ich hätte Prozesse gegen alle Verbrecher geführt, die die rumänische Gesellschaft in den letzten 50 Jahren zerstört haben. Ja, das hätte ich gemacht, wenn ich Gott gewesen wäre.“

Blandianas Skepsis gegenüber den neuen Machthabern verstärkte sich, je mehr sie sie dazu drängten, einen führenden Posten im Rat der Front zur Nationalen Rettung zu übernehmen. „Ich habe mich nie als Politikerin gefühlt und habe schnell verstanden, dass sie eigentlich nur jemanden brauchten, den sie vorzeigen konnten.“ Die Schriftstellerin war nicht bereit, den Neo-Kommunisten unter Ion Iliescu einen sauberen Anstrich zu verleihen. Ihr anfängliches Engagement in der Nationalen Rettungsfront beendete sie schon nach wenigen Wochen.

Spätestens mit der Gründung der Bürgerallianz wurde aus der Dissidentin, die sich selbst nicht als solche empfand, eine echte. Ana Blandiana stellte sich an die Spitze des Widerstands gegen Iliescu und seine Handlanger. Und das mit großem Erfolg: Mehr als 100.000 Rumänen wurden Mitglied in der von ihr gegründeten zivilgesellschaftlichen Initiative. „Wir konnten über eine halbe Million Menschen zum Handeln bewegen. Selbst die demokratisch ausgerichteten Oppositionsparteien hatten weniger Einfluss als wir. Und so wurde ich zur Staatsfeindin Nummer eins.“

Kampf gegen das Vergessen

Von der Bürgerallianz unterstützt gewann 1996 die Partei Demokratische Konvention unter Emil Constantinescu die Präsidentschaftswahlen. Zweifellos ein großer Erfolg für die Schriftstellerin. Doch es dauerte nicht lang, da verblasste auch dieser Hoffnungsschimmer. Die Koalition erwies sich als brüchig und zu schwach, um die alten Herrschaftsstrukturen aufzubrechen. „Ich habe gehofft, dass diejenigen, die meine Ansichten teilen, meine Ideen unterstützen. Aber jeder, der mit unserer Hilfe an die Macht gekommen ist, hat uns danach vergessen.“

Der Rückzug aus der Politik im Jahr 2000 erschien der einzig richtige Weg zu sein: „Ich fühlte, dass man Politik nicht mit Delegierten machen kann. Wenn etwas richtig gemacht werden soll, musst du es selbst tun.“ Und genau das tat Blandiana auch. Bereits 1993 hatte sie zusammen mit ihrem Mann in Nordrumänien eine Gedenkstätte für die Opfer des Kommunismus und des Widerstands gegründet. Auf deren Erhalt und Ausbau verwendete das Ehepaar fortan die meiste Energie. Heute ist das Memorial Sighet ein Ort, der die kollektive Erinnerung an Unrecht und Verbrechen wach hält. Unter der Schirmherrschaft des Europarates eine der wichtigsten rumänischen Institutionen ihrer Art. „Wir machen das alles hauptsächlich für junge Menschen, denn unser Nachwuchs kennt seine eigenen Wurzeln nicht.“ Dafür verantwortlich sei aber nicht allein die Erziehung oder die Schule. Auch die alles vereinheitlichende Globalisierung wirke sich negativ auf das gemeinsame Erinnern aus. „Wenn alle ihren Ursprung vergessen und ihre Identität verlieren, wird alles grauenvoll“, sagt Ana Blandiana – und lächelt.