Die komische Seite des Regimes

Darf man lachen über Diktatur und Unterdrückung? Natürlich, sagt Alex Tocilescu von der rumänischen Satirezeitschrift Academia Caţavencu. Für einen guten Witz ist ihm niemand heilig. Doch manche Tabus will auch er nicht brechen.
Von Beate Brehm

 

Was ist lustig an einer Diktatur?

Alex Tocilescu: Satire ist die Übertreibung der Realität. Und Ceauşescu bietet viel Stoff für Satire. Er war ungebildet, war früher Schuster und seine Frau Elena war die stärkere von beiden – eine giftige Frau.

Früher machte man auch Witze über die eigene Lage. Die Menschen hatten kein Essen, keinen Strom und keine Freiheit. Wenn man das zu ernst genommen hätte, wäre man ja verzweifelt. Außerdem wollte man Ceauşescu vom Thron holen. Mit Witzen konnte man zeigen, dass die da oben genauso dumm sind wie das Volk – oder dümmer.

Heute erzählt man sich kaum noch Ceauşescu -Witze. Da hört die Nostalgie auf. Vielleicht hat das auch etwas mit der Erschießung zu tun. Wir bei der Academia Caţavencu haben einmal ein gefälschtes Interview mit dem Stadtarchitekten von Ceauşescu veröffentlicht. Das kam überhaupt nicht gut an. Die Leute kennen die Namen nicht mehr. Heute macht man sich nicht mehr über den Kommunismus lustig, sondern eher darüber, dass man einen etwas unglücklichen Kapitalismus erschaffen hat.

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Gibt es Tabus im Umgang mit der Ceauşescu-Diktatur?

Alex Tocilescu: Nein. Hier in Rumänien gibt es generell keine Tabus, was Humor angeht. Zumindest fallen mir keine ein. Auch nicht gegenüber den Opfern des Ceauşescu-Regimes, denn die Rumänen begreifen sich nicht als Täter. Das rumänische Geschichtsverständnis besteht oft darin, zu ignorieren, was einem nicht passt.

Das ist nicht wie in Deutschland: In Rumänien lacht man auch über Juden-Witze und macht Roma-Witze  – von denen gibt es besonders viele. Das sind dann aber Witze und keine Beleidigungen. Ich würde das nicht machen. Rassismus und Antisemitismus sind für mich nicht lustig. Aber das ist ein persönliches Tabu und kein gesellschaftliches.

 

Welche Bedeutung hat Satire für den gesellschaftlichen Umgang mit einer Diktatur?

Alex Tocilescu: Früher waren Witze die einzige Möglichkeit, das Regime zu kritisieren – neben der Kunst. Offiziell waren regimekritische Witze natürlich verboten, aber ich glaube, niemand wurde dafür bestraft. Wenn man unterdrückt wird, entstehen die besten Witze:

Radio Bukarest: Liebes Volk, es ist genau 7 Uhr und Genosse Ceauşescu steht gerade auf. Es ist Zeit, dass Sie auch aufstehen.
Etwas Später: Liebes Volk, es ist genau 7 Uhr 30 und Genosse Ceauşescu macht Morgengymnastik. Es ist Zeit, dass Sie sich auch bewegen.
Noch später: Liebes Volk, es ist genau 8 Uhr, Genosse Ceauşescu frühstückt gerade. Genießen Sie die Volksmusik!

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Heute nutzen wir die Ceauşescu-Diktatur eher, um die aktuelle Situation zu kritisieren. Als im März der Bürgermeister von Bukarest Sorin Oprescu für den Bau der Stadtautobahn teils historische Gebäude abreißen ließ, habe ich ein Gespräch zwischen Oprescu und Ceauşescu erfunden. Ceauşescu schimpft den aktuellen Bürgermeister, dass er noch schlimmer sei, als er selbst. Denn Ceauşescu hat sich von Demonstranten manchmal umstimmen lassen.

Ceausescu: „Die heutigen Politiker sind schlimmer als ich!“

[Nachrichtenmoderator]: Der ehrenwehrte ehemalige Präsident, Nicolae Ceauşescu, wirft dem Bürgermeister von Bukarest Amtsmissbrauch vor:  „Oprescu hat ohne Genehmigung wunderschöne historische Gebäude eingerissen”, sagte Ceauşescu unseren Reportern. „Das Haus in der Berzeistraße 81 war ein Wahrzeichen der Stadt.  Seine Bausubstanz war hervorragend und es bricht mir das Herz, wenn ich an das schmiedeeiserne Eingangstor denke!” Der ehemalige Präsident räumte ein, dass auch in seiner Amtsperiode Häuser abgerissen wurden. Er betonte aber, dass  er „weich wurde, wenn die Leute sich widersetzten und alte Frauen auf die Straße gingen, damit ich eine Kirche stehen lassen sollte: Ich ließ mich von so etwas umstimmen. Die heutigen Politiker dagegen kennen kein Erbarmen und haben kein bisschen Respekt für die alten Denkmäler der Stadt – oder für die alten Leute.” Ceauşescu warf auch den Bürgern Fehler vor: „Wollen Sie mir etwa weismachen, dass die Leute früher einen Diktator umstimmen konnten, wenn es um den Abriss einer Kirche ging. Heute aber,  in einer Demokratie mit Gesetzen sollen sie ihre Stimme nicht gelten machen können? Ich bitte Sie!”, sagte der ehemalige Staatschef aufgebracht.