Die Angstmacher

Wohnungen verwanzen, Menschen bedrohen, Leben überwachen. Das war die Securitate bis 1989. Was machen die ehemaligen Offiziere und Agenten heute? Ein Besuch bei Securitate-Veteranen.

Von Jana Hauschild

Der Veteranenverband

Den Verband ehemaliger Militärkader und Geheimdienstmitarbeiter, kurz ACMRR-SRI, gibt es seit 1994. Er finanziert sich über Mitgliedsbeiträge und Spenden. Aktuell hat er rund 9.000 Mitglieder und mehrere Zentren in Rumänien. Die Mitglieder wollen ihre Sicht auf die Vergangenheit nach außen tragen. In einem Magazin, das viermal im Jahr erscheint, schreiben ehemalige Funktionäre über ihre Erinnerungen, veröffentlichen Tagebucheinträge und nehmen Stellung zu Historikermeinungen. Das Magazin liegt in Buchhandlungen oder Universitäten, wird aber auch von Juristen direkt beim Verband angefordert. Der SRI unterstützt den ACMRR-SRI.

Schatten der Macht
Wie funktioniert die Securitate? Ein Erklärstück.

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Abhörprotokolle, Überwachungsbilder, private Briefe. Mehrere Millionen Personen beschattete der rumänische Geheimdienst Securitate und spionierte sie aus. Ein Blick in die Akten.

Der Termin ist schnell vereinbart. Ein Anruf genügt und ich erhalte Zeit und Treffpunkt für eine Unterhaltung mit einem ehemaligen Securitate-Oberst, der heute einem Veteranenverband vorsitzt. In meinem Kopf formt sich bereits ein Bild. Ich treffe einen älteren Herrn, der von seiner Offizierszeit schwärmt, mir bei sich zu Hause seine Orden, Uniformen und den Dienstausweis präsentiert. Ich möchte herausfinden: Wie denkt ein ehemaliger Securitate-Offizier heute. Hat er Schuldgefühle? Würde er sich bei Opfern entschuldigen? Wie steht er zu dem Vorwurf, die Securitate habe Verbrechen begangen? Nachhaken und dran bleiben. Anspannung aushalten. Das hab ich mir vorgenommen.

Von einem vierspurigen Boulevard biegen mein Dolmetscher und ich in eine kaum befahrene Einbahnstraße. Schmale Bäume strecken sich zur Sonne. Hier und da bröckelt ein wenig Putz von den Häuserfassaden, Hunde streunen entlang des Bordsteins. Inmitten der Normalität steht eine Absperrung. Wir passieren sie, die Blicke des Wachpersonals folgen uns. Wir sind da. Ein Mann im Anzug empfängt den Dolmetscher und mich. Wir betreten ein Haus, dessen Gemäuer wir erst hinter einer meterhohen Betonwand sehen können, die wir durch eine Metalltür durchschreiten. Willkommen im Haus des ACMRR-SRI, dem Veteranenverband für ehemaliges Militär- und Geheimdienstpersonal im rumänischen Kommunismus. Gesponsert vom heutigen rumänischen Geheimdienst SRI.

Eigentlich sollten wir nur mit Filip Teodorescu sprechen. Er ist Rechtswissenschaftler, war von 1961 bis 1992 Oberst und ist heute noch „mit ganzem Herzen Nachrichtenoffizier“. Ihn flankieren drei weitere Ex-Offiziere. Aus dem Gespräch zu dritt wird eines unter 12 Augen. Rechts von Teodorescu: Cristian Troncota. Der gut gekleidete Mann ist Historiker, lehrte an der Akademie für den Nationalen Nachrichtendienst und ist heute noch Geschichtsprofessor. Links von Teodorescu zückt Maria Ilie einen Stift. Vor ihr liegt Papier. Direkt nach dem Abitur hat die Frau mit dem fragenden Blick ihre Agentenkarriere begonnen, war 32 Jahre in unterschiedlichen Bereichen der Securitate tätig. Links von ihr mustert uns Vasile Mălureanu. Jahrzehnte arbeitete er im Bereich Verteidigung und Verfassungsordnung der Securitate, ging erst 1994 in Rente. Auch vor ihm liegen Zettel und Stift. Dem Viergespann gegenüber: der Dolmetscher und ich.

Der Dolmetscher stellt uns vor. Die Arbeit der Stiftung, meine Arbeit, unsere Ziele, Namen, Visitenkarten. Endlos. Doch es ist unser Türöffner. Die vier Offiziere a.D. tauen auf.

Als ich nach zwanzig Minuten das erste Mal zu Wort komme, zeige ich auf die Fotokamera und das Mikrofon, um zu fragen, ob ich Aufnahmen machen darf. „Kein Problem“, übersetzt mein Dolmetscher und umklammert seinen Stift, „wir fotografieren uns ja gegenseitig.“ Maria Ilie holt eine Kamera heraus. Mitgeschrieben haben sie und ihr Kollege bereits seitenweise. Sie wollen über uns berichten, sagen sie. In meinem Kopf öffnet sich die Akte Jana Hauschild. Aber auch eine Akte für meinen Dolmetscher, der zunehmend angespannt wirkt. Er knetet bereits die Lasche seines ledernen Taschenkalenders. Er ist Rumäne und wohnt nur einige Minuten von dem Gesprächsort entfernt, während ich in wenigen Tagen schon nicht mehr im Land bin.

Der Präsident, Filip Teodorescu, beginnt mit seinem Vortrag. Er stellt sich und den Verband vor. Ausgiebig erläutert er die „demokratischen Strukturen des Verbandes“.

Dann darf ich wieder reden. Ich frage nach dem Verhältnis zum CNSAS, dem rumänischen Pendant zur Jahn-Behörde in Deutschland. Die Organisation arbeitet die Securitate-Akten auf, um ehemalige Mitarbeiter zu entlarven, die Menschenrechte verletzt haben. „Wir verständigen uns mit dem CNSAS nur über Gerichte“, entgegnet Teodorescu. Etwa 1.000 ehemalige Offiziere stünden im Rechtsstreit mit der Behörde. Der CNSAS gewinnt etwa 95 Prozent dieser Prozesse. „Wenn die meine Akte finden, dann sollen sie mich doch holen und ins Gefängnis stecken, wenn ich etwas Gesetzeswidriges getan habe“, sagt der Ex-Oberst mit erhobenem Haupt und streckt demonstrativ seine Handgelenke hin, als ob wir ihm gleich die Handschellen anlegen könnten. Mitarbeiter des CNSAS und alle, die die Behörde am Leben erhalten, sind für ihn „kleine Menschen – im Denken und Bewusstsein.“ Mein Dolmetscher wird nervöser. Inzwischen hat er den Druckknopf aus der Lasche seines Kalenders herausgerissen und hält sich daran fest.

Trotz der Anspannung wage ich doch eine meiner vorbereiteten Fragen. Dranbleiben und nachhaken! Ich schlucke die Verunsicherung herunter: „Kritiker fordern, dass sich die Securitate-Mitarbeiter bei den Opfern entschuldigen. Was sagen Sie dazu?“ Acht Augen starren mich empört an. Teodorescu stößt Luft aus, ein verachtendes Lachen folgt. „Das ist eine falsche Ansicht. Wir fordern eine Entschuldigung.“ Dem Dolmetscher flutscht der Druckknopf aus der Hand und quer über den Tisch.

„Haben sich die USA und Großbritannien für die Opfer der Angriffe von 1945 entschuldigt?“, fragt der Veteranenpräsident. Da schaltet sich Vasile Mălureanu ein. Seine Akte wurde erst vor kurzem vom CNSAS gefunden. „In Rumänien findet im Moment die stärkste Unterdrückung von Geheimdienstmitarbeitern in Europa statt. Das Gesetz, das dem CNSAS erlaubt, Securitate-Offiziere öffentlich zu nennen, ist willkürlich und diskriminierend.“ Der Dolmetscher reißt an der Lasche seines Kalenders. „Heute kommen Offiziere vor Gericht, die damals vollkommen legal gearbeitet haben und dem Sicherheitsbedürfnis unseres Landes dienten. Die Securitate konnte ja nichts für die Gesetze.“ Mălureanu hat sich in Rage geredet. Mit dem Zeigefinger klopft er auf den Tisch. Vorübergehend findet die Diskussion nur auf Rumänisch statt, mein Dolmetscher mittendrin. Ich verstehe nichts, beginne stattdessen im Kopf schon mal sämtliche Fragen zu streichen, die ich vorbereitet habe. Ich befürchte, der Dolmetscher könnte wegen meiner Fragen Probleme bekommen.

Nach zwanzig Minuten Streitgespräch übersetzt mein Dolmetscher wieder. „Wir würden uns entschuldigen, wenn die Willkür heute aufhört“, räumt Mălureanu ein. Die Regierung habe einen Fehler begangen, solle ihn nun korrigieren. Auf ihr Entgegenkommen sei der Verband aber nicht angewiesen, möchte uns Teodorescu glauben machen: „Wer Informationen hat, ist stark. Wir haben auch heute noch Informationen, die bisher keiner kennt. Diese könnten nicht nur die bisherigen Regierungen belasten, sondern auch die aktuelle.“ Die Veteranen hätten bisher nichts von den unveröffentlichten Informationen preisgegeben, weil sie Tumult im Land vermeiden wollten. Sie seien schließlich verantwortungsvolle Personen, sagt der Ex-Oberst. Auch heute noch stünden bei ihnen nationale Interessen über persönlichen Interessen. Doch hinter all dem Machtgeplänkel verbirgt sich viel Frust: „Wir haben 20 Jahre geschwiegen und sind es satt als Schuldige dazustehen. Wir werden uns an die Politiker wenden – mit unschlagbaren Argumenten.“ Der Dolmetscher legt die abgerissene Lasche zur Seite. Fäden und Stoffreste sammelt er vom Tisch. Er packt seinen Stift weg, klappt den Kalender zu. Seine Botschaft ist klar: Es ist Zeit zu gehen. Doch nicht ohne Gruppenfoto für den Bericht. Dies ist jedoch nur für das Vereinsmagazin, sagen die Veteranen.