Aus Ceauşescus Schatten

Nach dem Sturz des Diktators übernahm die zweite Garde. Einige ihrer Mitglieder sind bis heute in führenden Positionen – in Politik, Wirtschaft und Kirche. Wie die alten Kader Rumänien bis heute prägen.

Von Laura Blecken und Marc Etzold

Flash-Produktion: Marc Röhlig

Lange galt Ion Iliescu (l.) als “Kronprinz” Ceaușescus.

Iliescu (v.l.) und Ceauşescu (v.r.) beim Besuch einer Industriebaustelle.

53 Tage lang wurde in Bukarest gegen Iliescu demonstriert.

Von der Privatisierung profitierte, wer Startkapital und Auslandskontakte hatte.

 

 

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“Warum überlebte die alte Elite”
“Zeitung lesen mit Liviu Tofan” 

 

Junge Rumänen hoffen
auf eine bessere Zukunft

Ceauşescu ist tot, doch die Nomenklatur hat zu einem Großteil überlebt – ein offenes Geheimnis in Rumänien. Wer sich jedoch auf die Suche nach mächtigen Hintermännern des Diktators macht, findet nur wenige Ergebnisse. Ceauşescu war ein Alleinherrscher und duldete keine Machthaber neben sich, weder in Bukarest, noch in Moskau. „Im Grunde war das eine ganz banale, persönliche Diktatur“, sagt Liviu Tofan, der Direktor des Instituts für Neuere Geschichte in Bukarest. Wer zu viel Einfluss hatte oder durch Nähe zur Sowjetunion auffiel, wurde fallen gelassen. Dieses Schicksal ereilte beispielsweise Mihai Caraman, einen Securitate-Agenten, der vom sowjetischen Geheimdienst KGB für „hervorragende Aktivitäten gegen die Nato“ ausgezeichnet wurde. Ein anderes Beispiel ist Ion Iliescu, ehemaliger Protegé Ceauşescus und Jugendminister bis 1971. Während Caraman in Rente geschickt wurde, musste Iliescu seinen Posten im Zentralkomitee aufgeben. So warteten vor der Revolution Ceauşescus mächtigste Feinde in der Kommunistischen Partei und im Kreml auf den Sturz des Diktators.

„Ceauşescu sei nicht traurig, Iliescu ist auch ein Kommunist“

Immer noch ist umstritten, wer den politischen Umbruch im Dezember 1989 initiiert hat – das Volk oder die Kommunistische Partei Rumäniens mithilfe Moskaus. Während der Unruhen nach Ceauşescus Hinrichtung übernahm die Nationale Rettungsfront die Interimsregierung, ein Gremium unter der Führung von Ion Iliescu. Die Mitglieder stammten, nach Einschätzung von Liviu Tofan, zu 75 Prozent aus dem alten Parteiapparat. Iliescu sagte zwar 1990, die „Front“ habe sich während des Umbruchs spontan gegründet, allerdings favorisierte der Kreml Iliescu schon lange als Nachfolger Ceauşescus.

Obwohl die Nationale Rettungsfront zunächst erklärte, sie werde nicht bei den ersten Wahlen nach Ceauşescu kandidieren, trat sie am 20. Mai 1990 doch an. Sie gewann mit über zwei Dritteln der Stimmen. Dieser Erfolg ging vor allem auf die Presse zurück, die schon vor den Wahlen als Propaganda-Apparat der Regierung die Opposition als „verruchte Schurken” diffamierte.

In Bukarest demonstrierten 53 Tage lang Tausende gegen die Präsidentschaft Iliescus, zu Parolen wie „Ceauşescu sei nicht traurig, Iliescu ist auch ein Kommunist“. Ihre Fotoplakate zeigten den angeblichen Revolutionsführer Seite an Seite mit Elena und Nicolae Ceauşescu. Um die Proteste zu beenden, rief Iliescu bewaffnete Bergarbeiter aus dem Schiltal in die Stadt, die zusammen mit ehemaligen Securitate-Polizisten die Demonstranten niederprügelten. Außerhalb der Städte wurde von der Opposition hingegen kaum Notiz genommen. Dort konnten die alten Kader an der Macht bleiben, ohne sich rechtfertigen zu müssen. „Auf lokaler Ebene war es am schlimmsten”, sagt Bogdan Cristian Iacob, Historiker in der Forschungsabteilung des IICCMER, des Instituts zur Untersuchung der kommunistischen Verbrechen.

Bei der Besetzung von politischen Ämtern griff der neue Präsident Iliescu auf Parteikollegen zurück, die wie er Moskau nahe standen. So berief er beispielsweise den ehemaligen Securitate-Agenten Mihai Caraman zum Leiter des Auslandsgeheimdienstes.

Selbstbereicherung als Wirtschaftskonzept

Im Zuge der politischen Transformation wurde nach 1989 auch das zentralistische Wirtschaftssystem umgebaut. „Unter Ceauşescu gab es zwar Unternehmen, von einer Privatwirtschaft konnte aber keine Rede sein”, sagt Liviu Tofan. Nichtsdestotrotz operierten im Ausland rumänische Firmen. „Die Securitate hatte Unternehmen aufgebaut, um Geschäfte zu vermitteln und die Provision zu kassieren.”

Der heutige Medienmogul Dan Voiculescu bestreitet zwar, dass das Außenhandelsunternehmen Crescent, für das er vor 1989 als Repräsentant in Bukarest gearbeitet hatte, direkt der Geheimpolizei unterstellt gewesen sei. In einem Dokumentarfilm von 2009 gab er aber zu, dass „die Genehmigung, für ein ausländisches Unternehmen arbeiten zu dürfen, nur von der Securitate erteilt werden konnte”. Für Tofan ist das Wortklauberei. „Am Ende stand immer die Securitate dahinter.”

Aus der Sicht Tofans ging es Ceauşescu mit den Außenhandelsfirmen darum, harte Währungen westlicher Länder in seinen Besitz zu bekommen. Vorräte amerikanischer Dollarnoten oder der D-Mark seien für den internationalen Handel überaus hilfreich gewesen. Voiculescu und die Firma Crescent seien ein gutes Beispiel dafür, was mit diesem Geld nach dem Umsturz passierte. „Aus solchen Unternehmen sind viele Neureiche hervorgegangen. Sie hatten die internationalen Geschäftskontakte und saßen auf enorm viel Geld.” Auch Voiculescu, ist sich Publizist Tofan sicher, habe dieses Geld genutzt, um sein heutiges Medienimperium aufzubauen.

Dabei dürfte Voiculescu sich von der politischen Führung nach 1989 bestärkt gefühlt haben. Petre Roman, Premierminister unter Staatspräsident Iliescu, hatte das Credo „enrich yourselves” ausgegeben. „Wir sind alle der Meinung, dass Leute, die in einer Gesellschaft ökonomischer Freiheit leben, das Recht haben, sich selbst zu bereichern”, sagte er 1990. Deswegen spricht Tofan auch lieber von einer „so genannten Privatisierung”. Die alten Eliten hätten ihre Sonderstellung vor 1989 genutzt, um Geld zu machen. Die breite Bevölkerung sei hingegen leer ausgegangen. „Darin liegt auch der Keim für die heutigen Korruptionsskandale.”

Kirche als Opfer und Täter

Auch in der rumänisch-orthodoxen Kirche waren führende Kräfte mit dem kommunistischen Regime verbunden. Kritische Priester und Mönche wurden zwar oft verhaftet, trotzdem steht die moralische Schuld der Kirche heute außer Frage. „Die orthodoxe Kirche kooperierte mit dem kommunistischen Regime. Es war beinahe eine symbiotische Beziehung”, sagt Christian Vasile, Forschungsleiter am IICCMER. Diese Kooperation habe eine lange Tradition und gehe zurück bis in das 19. Jahrhundert. Damals entstand die rumänisch-orthodoxe Kirche. Die Beziehung zum Staat war seit jeher eng – eine ideale Grundlage für die Kommunisten, um die Kirche in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu instrumentalisieren.

Publizist Liviu Tofan geht mit der Kirche noch härter ins Gericht. Unter Ceauşescu sei die rumänisch-orthodoxe Kirche „eine Außenstelle der Securitate” gewesen. „Bischöfe waren Offiziere, die das Volk kontrolliert haben und heute schweigt die Kirche zu diesem Thema.” Insbesondere gegen den langjährigen Patriarchen Teoctist, der 2007 starb, gibt es schwere Vorwürfe. Der CNSAS, die Behörde, die die Securitate-Akten auswertet, hat bei einer Überprüfung des Patriarchen im Jahr 2006 aber keine Beweise dafür gefunden, dass Teoctist für die Securitate gearbeitet hat.

Trotzdem kann „Teoctist als kommunistischer Würdenträger, als ein Teil der Nomenklatur gesehen werden”, sagt IICCMER-Experte Christian Vasile. Sein Verhältnis zur Kommunistischen Partei spreche Bände. Teoctist war nur drei Jahre lang Patriarch unter kommunistischer Herrschaft (von 1986 bis 1989). In dieser Zeit habe er aber der Zerstörung von Kirchen in Bukarest zugestimmt. „Im Dezember 1989 wurde er damit konfrontiert und für vier Monate ins Exil geschickt”, sagt Vasile.

Probleme bei der Aufarbeitung

Für die Konfrontation mit der Vergangenheit und deren Aufarbeitung ist heute der CNSAS zuständig, das rumänische Äquivalent zur deutschen Stasi-Unterlagenbehörde. Gegründet wurde dieser „Nationale Rat” im Jahr 1999, gegen den Widerstand aus allen politischen Lagern. Seitdem wurden rund zwei Millionen Akten an die Behörde übergeben, etwa 50 Prozent davon wurden bisher ausgewertet. Weitere Unterlagen geben die Geheimdienste nur Stück für Stück frei, was immer wieder die Frage aufwirft, wie unabhängig der CNSAS tatsächlich agieren kann.

Öffentlich fällt die Behörde auch durch juristische Auseinandersetzungen auf. Der CNSAS publiziert die Namen von Kollaborateuren und Informellen Mitarbeitern der Securitate. Beschuldigte in hochrangigen Positionen wehren sich oft dagegen. Rodica Stănoiu, die von 2000 bis 2004 Justizministerin war, weist bis heute den Vorwurf von sich, vor 1989 für die Geheimpolizei gearbeitet zu haben.

Gleiches gilt für den heutigen Medienmogul Dan Voiculescu. Er sei kein Securitate-Offizier gewesen, sagt er. Im März 2011 hatte das Oberste Gericht aber genau dies festgestellt. Der Fall Voiculesu hätte auch beinahe das Ende der Behörde bedeutet. Im Jahr 2008 klagte Voiculescus Anwalt zunächst erfolgreich gegen das Gesetz, auf dessen Grundlage der CNSAS arbeitet. Die Richter stellten fest, dass es nicht verfassungskonform sei. Im Schnellverfahren wurde aber ein neues Gesetz verabschiedet. Nur so konnte der CNSAS seine Arbeit fortsetzen. Das Beispiel zeigt, wie mächtig die Elite von damals auch noch heute ist.