„Rumäniens Politik macht mich wütend“

Kaltes Wasser im Bad und heimlich Radio Freies Europa hören, das sind die Kindheitserinnerungen Mihail Neamţus an die Ceauşescu-Diktatur. Niemals zurück müssen in diese Zeit und eine stabile Demokratie für Rumänien, wünscht sich der 33-Jährige für die Zukunft. 2012 will er ins Parlament einziehen.

Von Nora Marie Zaremba

 

Steckbrief Mihail Neamţu

Geboren am: 16. April 1978 in Fagaraş

Eltern: Vater Ingenieur, Mutter Lehrerin

Ausbildung: Abitur in Arad, Studium der Philosophie in Klausenburg, München, London, Texas

Beruflicher Werdegang: wissenschaftlicher Direktor des IICCMER von März 2010 bis September 2011, derzeit Lehrbeauftragter der Universität Bukarest im Fach Philosophie

Politisches Engagement: derzeit parteilos, Mitglied der „Christian-Democratic-Foundation“. Die Stiftung wurde im Juli 2010 unter der Leitung des amtierenden Außenministers Theodor Baconschi (PDL) gegründet. Sie setzt sich für die Verbreitung christlich-demokratischer Werte in der Zivilbevölkerung ein. So werden beispielsweise Seminare und Sommerschulen für Wissenschaftler oder Studenten organisiert.

Weitere Links:
“Aus Ceauşescus Schatten”
“Im Unterricht nur eine Randnotiz”
“Die Angstmacher”

Am 21. Dezember des Jahres 1989 hatte der junge Mihail Neamţu Angst, seinen Vater zu verlieren. Der verließ das Haus, um sich jenen auf der Straße anzuschließen, die gegen das kommunistische Regime Nicolae Ceauşescus demonstrierten. Wann würde Vater wiederkommen? Würde er überhaupt wiederkommen? Noch 22 Jahre nach den Ereignissen flackern die Augen des erwachsenen Mannes hinter den Brillengläsern. „Diese Tage veränderten mich.“

Großwerden im Ceauşescu-Regime. Elf Lebensjahre lang. Alt sind die Erinnerungen nicht. Dennoch befindet sich Neamţu heute in einer anderen Welt. Im schwarzen Anzug, das Hemd weißer als weiß, die braune Krawatte glattgestrichen, sitzt er an einem langen Konferenztisch. Vor sich ein Handy und einen schwarzen, ledernen Terminkalender, dessen aufgeschlagene Seiten voll beschrieben sind. Der Mann ist sehr beschäftigt, verraten sie. Neamţu verschwendet keine Zeit. Immer wieder schaut er auf die Uhr am Handgelenk. Die Geschäftsreisen machen müde, gibt er zu und nippt an einem Espresso mit viel Zucker. Stünde er auf, der Parkettboden würde knarzen unter ihm, in dieser edlen Villa im Bukarester Norden. Die Villa beherbergt die „Christian Democratic Foundation“. Ihre Mitglieder, unter ihnen der amtierende Außenminister Theodor Baconschi sowie Mihail Neamţu selbst, engagieren sich für „liberale Werte“ in der Politik. Damals, vor 1989, natürlich unvorstellbar.

Ein unüberwindbarer Graben zwischen dem, was Ceauescu predigte und unserer Realität.“

Neamţu wuchs in Arad auf, einer Stadt im Westen Rumäniens, zusammen mit den Eltern, Großeltern, dem Bruder und weiteren Verwandten in einem Haus. Die Familie lebte von der Landwirtschaft, als Bauern. Ihr Hab und Gut verloren sie größtenteils an den Kommunismus. Zuerst im Regime unter Gheorghe Gheorghiu-Dej, dann unter der Ceauşescu-Diktatur. Polenta oder Kartoffeln auf dem Esstisch, Tag ein, Tag aus. Immer nur kaltes Wasser zum Duschen. Eine Heizung, die nicht heizte. Trotz der Entbehrungen im täglichen Leben brachte Vater Gheorghe dem jungen Mihail bei: Nicht unterkriegen lassen. Der Vater, studierter Ingenieur, war das große Vorbild. Aufregen konnte der sich über die Unfähigkeit der führenden Elite. Aufregen über die großspurigen Reden des Diktators. Ceauseşcu, der im Radio verkündete, Rumänien hätte bald die letzte und vollkommene Stufe des Kommunismus erreicht.

Jetzt kann sich auch der erwachsene Neamţu wieder aufregen und vergisst die Müdigkeit. Hier in der Villa, auf dem gepolsterten Stuhl sitzend, beugt er den Oberkörper nach vorne und stemmt die Hände auf den Konferenztisch, um nicht mit der Faust auf den Tisch zu hauen. Er würde sich wohl wehtun beim Aufschlagen, so tief sitzt die Wut, immer noch. „Die wirklichen Probleme, die Nahrungsmittelknappheit, die Armut interessierten nicht. Es gab einen unüberwindbaren Graben zwischen dem, was Ceauşescu predigte und unserer Realität.“

„Uns war klar: Jetzt passiert etwas.“

Kleine Rebellionen im Alltag halfen, Würde zu bewahren in diesem unwürdigen System. Der Lehrer im Klassenraum, der, ganz subtil, eine Spitze über den Diktator machte. Heimlich Radio Freies Europa hören oder Voice of America. So konnte man sich ein Bild vom tatsächlichen und katastrophalen Zustand des Landes machen. Und sich auf das Ende des Regimes vorbereiten. Ausgehend von Timişoara im Westen Rumäniens schwappten die Demonstrationen gegen die Diktatur auch bis nach Arad. Der erwachsene Neamţu sieht seinen Vater noch genau vor sich, wie er hinausging, um an den Demonstrationen teilzunehmen. Im Haus versammelte sich die Familie, bezog aufgeregt Stellung vor dem Fenster, das zur Straße ging. „Wir sahen einen Panzer die Straße entlang rollen. Uns war klar: Jetzt passiert etwas.“ Nach 36 Stunden kam Vater Gheorghe wieder. Er erzählte dem Sohn vom Ruf der Demonstranten, der lautete: „Wir werden sterben, aber in Freiheit.” Am 25. Dezember wurde Nicolae Ceauşescu hingerichtet.

Mit dem Tod des Diktators kam die Freiheit des Geistes. Der junge Neamţu las Bücher, die bisher verboten waren. Alexander Solschenizyns „Der Archipel Gulag“ über das stalinistische Justizwesen war so ein Buch. Plötzlich durfte man Fragen stellen, in aller Öffentlichkeit, sich Gedanken machen. Schwierig war das für die Älteren. Aufregend für die Jungen. Um Antworten auf seine Fragen zu erhalten, begann Neamţu ein Philosophiestudium im rumänischen Klausenburg. Später studierte er im westlichen Ausland. München, London, Texas. Er lernte die westlichen Institutionen kennen, die westlichen Wertvorstellungen, den Kapitalismus „Die westliche Demokratie, trotz ihrer Probleme, empfand ich als großes Glück. Und als Vorbild für ein neues System in Rumänien.“ Der Westen mochte ungewohnt sein, aber er, der Rumäne, erlaubte sich keine Minderwertigkeitskomplexe. Lieber publizierte er politische Schriften, zeigte, was er wusste und nach wie vor weiß. Neamţu ist stolz darauf. „Selbstbewusstsein.“ Es ist sein Wort und sein Thema. Nun kann er sich wieder zurücklehnen auf die Polsterung des Stuhls und die Arme entspannt auf den Konferenztisch legen. Selbstbewusstsein hat er gelernt, perfektioniert.

„Kein Kommunist hat sich jemals entschuldigt.“

Im Frühjahr 2010 machte das Institut zur Aufarbeitung kommunistischer Verbrechen (IICCMER) Mihail Neamţu zu seinem wissenschaftlichen Direktor. Eine Tätigkeit, die er nur anderthalb Jahre später wieder aufgab. Er erklärt seine Entscheidung: „Ich möchte mich politisch stärker engagieren. Außerdem erfährt die Arbeit in einem staatlichen Institut Grenzen, die die Aufarbeitung schwierig machen können.“ Neamţu lässt sich nicht gerne in seine Arbeit reinreden. Elf Jahre hat die Diktatur sich eingemischt. Das reicht ein Leben lang. Eine dieser Grenzen, die er meint, war die Entscheidung des Bukarester Bürgermeisters, eine gut besuchte Ausstellung über die Demonstrationen nach den ersten freien Wahlen 1989 gleich wieder zu schließen. „Sie war ihm wohl zu erfolgreich.“

Darüber kann Neamţu schmunzeln. Auch über die Tatsache, dass einige Bukarester Fressbuden „Ceauşescu-Schawarma“ anbieten. Sich lustig machen ist eine Art, die Vergangenheit zu bewältigen. Rumänen machen das gerne. Sie bräuchten noch Zeit. Zeit auch, um über das Vergangene zu trauern, glaubt Neamţu. Erschreckend findet er: „Kein Kommunist hat sich jemals öffentlich entschuldigt für seine Fehler.“

Bei den Wahlen im November nächsten Jahres will Neamţu als Abgeordneter ins Parlament einziehen. Noch ist er parteilos, engagiert sich vor allem in der „Christian Democratic Foundation“. Die einzige Möglichkeit, so sieht er es, unabhängig zu bleiben. Aber letztendlich muss er wohl doch einer Partei beitreten. Er würde sich für die liberaldemokratische PDL von Staatspräsident Traian Băsescu entscheiden. Deren Ideen vertritt er noch am ehesten. Immerhin hat Băsescu als erster Staatspräsident die Ceauşescu-Herrschaft als Regime bezeichnet. Und er ist für die Errichtung eines Museums zum Gedenken der Opfer des Kommunismus. Aber auch der PDL bescheinigt Neamţu Defizite. „Vielen geht es zu oft um die eigenen Vorteile, um die eigene Bereicherung. Aufträge werden beispielsweise der Firma der Verwandtschaft zugeschustert. Total kurzsichtig.“ Die Arbeit in der rumänischen Politik, sie werde anstrengend und frustrierend werden. Das weiß er und doch ist es das, was er möchte. „Rumäniens Politik macht mich wütend, und ich bin gerne wütend.“